Overthrown

Das knuffige Indie-Aufbauspiel Overthrown mixt sein klassisches Konzept mit Third-Person-Ansicht und einem kräftigen Schuss spaßiger Bedienung. Ob das Konzept aufgeht, habe ich mir in der 90 minütigen Demo auf Steam angeschaut und war durchaus überrascht, habe aber auch noch viele Fragezeichen.

Städtebau in Overthrown – einfach umwerfend
Anders als in den meisten anderen Aufbausimulationen, spielen wir Overthrown, indem wir unseren königlichen Avatar aus der Third-Person-Ansicht steuern und Gebäude direkt in unserer Umwelt platzieren, anstatt aus der Vogelperspektive unsere Welt per Mausklick zu formen. Das geht natürlich nicht ansatzweise so flott und intuitiv vonstatten, wie bei der Genrekonkurrenz. Damit dieser Umstand nicht zum Todesurteil wird, haben die Entwickler das Gameplay mit einer Reihe „Komfortfunktionen“ ausgestattet, die zugleich zentraler Punkt der Spielerfahrung sind.

Zum einen können wir, wie Speedy-Gonzales oder the Flash, mit einem Affenzahn durch die Landschaft sprinten und damit fast jeden Punkt der Karte zügig erreichen. Auch weite Sprünge sind möglich. Zum anderen können wir (und da kommt der Name her) absolut ALLES aufheben und an eine andere Stelle werfen. Es fehlt Holz? Warum den Baum mühsam fällen, wenn man ihn auch aufheben und direkt zur Sägemühle flitzen kann? Ums Sägewerk stehen keine Bäume mehr? Heb‘ gleich das ganze Sägewerk auf und bring es zum nächsten Wald!
Diese beiden Mechaniken machen bereits von Minute eins an Spaß und fühlen sich einfach abgefahren an. Die Steuerung geht dabei ebenfalls recht schnell in Fleisch und Blut über und bleibt angenehm reduziert.

Fröhlicher Städtebau mit Kommunikationsproblemen
Beim Aufbau-Part bleibt Overthrown ziemlich klassisch. Wir bauen Wohnhäuser, um mehr Bewohnern Obdach zu bieten und verschiedene Berufshäuser, um die Leute in der Umgebung einer Arbeit nachgehen zu lassen. Dann sammeln Sie Ressourcen, bestellen Felder, sorgen für Nahrung oder bewachen das Dorf als Soldaten. Beschäftigte Leute generieren Wissen, dass wir in die Erforschung neuer Gebäude und Baumöglichkeiten investieren können. So entsteht zügig eine Aufbauschleife, die stehts mit neuen Möglichkeiten belohnt.

Zudem fallen langweilige Wartezeiten auf Ressourcen oft weg, denn wir können ja – dank der spaßigen Flitzerei/Werferei – jederzeit selbst mitmischen und unterstützend eingreifen. Dazu haben auch die wuseligen Dorfbewohner*innen einen fast schon „Die Siedler“-haften Charme, wenn sie durch die Gegend rennen, Ihrer Arbeit nachgehen und Abends gemeinschaftlich in Ihre Häuser zurückkehren. Ach, übrigens: Die drolligen Dorfleute können wir natürlich auch werfen!

Leider sind wir in der Demo noch weitgehend uns selbst überlassen. Ein Tutorial fehlt, die Aufgaben sind Teils nicht ganz klar formuliert und manche Gebäude sind noch fehlerhaft übersetzt. Wenn das Aufgabenlog sagt, es fehlten sechs „Nebengebäude“ – wer kann denn dann ahnen, dass damit ausgerechnet TOILETTENHÄUSCHEN gemeint sind? Ich persönlich kam leider erst drauf, nachdem ich es mit immer mehr Wohnhäusern probiert und damit die Not(-durft) nur verschlimmert hatte.
Höllische Nachbarn mit Ansage
In festgelegten Intervallen greifen uns Banditen an, damit auch unsere Schwerter was zu tun bekommen. Der Angriff wird uns stets rechtzeitig angekündigt. Dann sollten wir genügend Soldaten im Dorf haben, sonst zerstören die Unholde unsere Gebäude und nehmen Bewohner gefangen. Alleine können wir zwar auch die Angriffswelle zurückschlagen und sogar Dorfleute befreien, jedoch kaum verhindern, dass die Banditen massiven Schaden anrichten, was dann wiederum viele Ressourcen für den Wiederaufbau kostet.

Zudem sind die Banditen so flink, dass man sie zwischen den Gebäuden erstmal finden muss. Da fühlt man sich fast schon ein bisschen wie in den Dynasty Warriors spielen, in denen man zwar komplett übermächtig, aber eben immer nur an einem Ort zugleich sein kann. Das Kämpfen ist äußerst simpel, gibt dem Spiel aber ein Nice-to-have-Element und sorgt zudem dafür, dass wir emotional noch investierter in unser Dorf und seine Einwohner sind.

Fazit
Overthrown macht tatsächlich schon in seiner frühen Beta-Phase so einiges Richtig. Die rasante Fortbewegung und die Möglichkeit, einfach alles schnell umplatzieren zu können oder beim Ressourcensammeln zu helfen, machen allein schon viel Spaß. Der Charme, den der Grafikstil und die wuseligen Dorfbewohner versprühen, tut sein Übriges für ein angenehmes Spielgefühl, das mitten ins Herz trifft. Begleitet wird das ganze mit einem sehr reduzierten, aber guten Soundtrack.
Trotzdem ist das Spiel aktuell aber wirklich noch ziemlich unfertig. Selbst auf geringeren Grafikeinstellungen ruckelt es regelmäßig deutlich, wenn auch nicht bis ins Unspielbare. Zudem fehlt ein Tutorial und auch von den Gebäuden ist bisher nur etwa die Hälfte im Spiel. Die nächsten sind aber bereits für kommenden Januar angekündigt.
Trotzdem fehlt mir ganz grundsätzlich aber ein roter Faden, wo das Ganze hingehen soll. Ich hatte anderthalb Stunden viel Spaß mit Overthrown, aber konnte weder eine übergeordnete Handlung, noch jegliches langfristiges Spielziel erkennen. Wenn die Vollversion motivierende Ziele oder gar eine funktionierende Hintergrundgeschichte bietet und seine Welt etwas interessanter befüllt, dann kann Overthrown zu einem echten Aufbau-Geheimtipp werden, der vor allem mit bis zu sechs Spielenden für beste Kurzweil sorgen dürfte.

Spielte Videospiele, noch bevor er Fahrrad fahren konnte. Hat als einer der letzten Zivis den Gedanken an ein Medizinstudium verworfen und stattdessen „irgendwas mit Medien“ in der Weltmetropole Ilmenau im beschaulichen Thüringer Wald studiert. Über das Campus-TV schließlich den Weg eines (Video-) Redakteurs eingeschlagen und 4 Jahre lang im Esports-Bereich gearbeitet. Danach gings ins lineare Fernsehen und dann auf die andere Seite des Spektrums in die PR. Weil es ihm aber beim Thema Gaming und anderer medialer Unterhaltungskunst immer noch 24/7 in den Fingern juckt, gibt es jetzt, wann immer es die Freizeit zulässt, Reviews und Previews von ihm.