Dungeons of Hinterberg

Dungeons of Hinterberg Titelbild

Lange hatte ich das Indie-Adventure Dungeons of Hinterberg aus Österreich auf dem Zettel und bin nun endlich dazu gekommen, es durchzuspielen – mitsamt unverhofftem Addon! Und, was soll ich sagen? – Dungeons of Hinterberg ist eine kleine Perle, die mich komplett abholt! Das liegt natürlich am unterhaltsamen Gameplay-Mix, der Legend of Zelda mit der Social-Simulation aus der Persona-Reihe verbindet; aber auch an so viel mehr.

Hinterberg, das Urlaubsziel für Lebensmüde

Luisa Dorfer hat genug! Die junge Angestellte einer Wiener Anwaltskanzlei hat sich Ihren Job ganz anders vorgestellt und ist schon nach einem guten halben Jahr Burnout-gefährdet. Ein Tapetenwechsel muss dringend her! Also nimmt sich Luisa ihren kompletten Jahresurlaub, packt Ihre sieben Sachen und reist in das österreichische Bergdorf Hinterberg. Denn dort ist, wie an einigen anderen Orten um den Globus, vor gut drei Jahren urplötzlich Magie zur Realität geworden. Menschen können dort Zauber erlernen und überall in der Gegend sind mysteriöse Dungeons entstanden.

Dungeons of Hinterberg Dorf© Microbird
Willkommen in Hinterberg, wo Idylle auf gefährliche Abenteuer trifft!

Und wie das mit der modernen Menschheit nun mal so ist, wird natürlich direkt eine ganze Tourismusattraktion draus gemacht. Das lösen von Dungeons wird zur Trendsportart. Menschen kommen in Schaaren, um den Rausch des Abenteuers in den Dungeons zu erleben, Monster zu bekämpfen und nebenbei die Stempelkarte vollzumachen. Diesem Trend will nun auch Luisa leicht blauäugig folgen. Doch schon bei Ihrem ersten Dungeon-Besuch stürzt das Gewölbe fast in sich zusammen. Kurz darauf besteht auch kein Zweifel mehr, dass etwas in Hinterberg (im Rahmen der Umstände) nicht mit rechten Dingen zugeht.

So entspinnt sich ein Abenteuer, dass mich über 20 Stunden gefesselt, fasziniert und bestens unterhalten hat. Heutzutage habe ich selten Lust, ein Spiel direkt nach dem Abschluss nochmal direkt von vorne zu Beginnen. Doch bei Dungeons of Hinterberg war das eindeutig der Fall. Woran das liegt, erkläre ich Euch jetzt.

1. Der Gameplay-Mix von Dungeons of Hinterberg

Im Kern ist Dungeons of Hinterberg ein Action-Adventure mit starkem Rollenspieleinschlag. Luisas Ziel ist es, alle Dungeons im Ort abzuschließen. Hinterberg gliedert sich in vier verschiedene Gebiete, in denen uns jeweils zwei verschiedene Zauber zur Verfügung stehen. Diese nutzen wir, um Rätsel zu lösen, uns durch die Dungeons hindurch zu kämpfen und uns unseren Stempel zu holen. Die Dungeons sind abwechslungsreich und Anfangs noch ziemlich leicht, bieten aber mit der Zeit auch einige Kopfnüsse und anspruchsvollere Kämpfe. Einige Dungeons enthalten aber auch „bloß“ einen größeren Bosskampf.

Dungeons of Hinterberg Tornadozauber© Microbird
Wir nutzen die Zauber um Rätsel zu lösen, oder im Kampf.

Natürlich werden die Monster, die sich meist an österreichischen oder süddeutschen Sagengestalten orientieren, in den Dungeons zunehmend stärker. So etwas wie Erfahrungspunkte gibt es im Spiel allerdings nicht. Um mithalten zu können, ist Luisa zum Einen auf Ihre Ausrüstung angewiesen. Zum Anderen können und sollten wir regelmäßig mit den verschiedenen Bewohnern und Gästen Hinterbergs interagieren. Wir können ihnen Geschenke machen, mit ihnen sprechen oder bei ihren Sorgen helfen. Dadurch steigt unsere Freundschaftsstufe zu den einzelnen Figuren, was uns jedes Mal einen neuen Bonus einbringt, der uns auf verschiedene Weise stärkt oder das Abenteurer-Leben erleichtert.

Dungeons of Hinterberg Status© Microbird
Wir können unsere Werte jederzeit checken. Werte wie Ansehen oder Vertrautheit sind zum Lösen bestimmter Quests oder zum Anfreunden mit bestimmten Charakteren notwendig.

Alternativ können wir ins Kino, die Kneipe oder ins Spa gehen oder den Tag an einem Rastplatz verbringen, um konkrete Statuswerte zu steigern. Wir können pro Tag nur jeweils einen Dungeon angehen und eine Interaktion starten. Außerdem sind nicht alle Charaktere an jedem Tag anzutreffen. Wir müssen also stehts abwägen, mit wem oder was wir unsere Zeit als nächstes verbringen wollen. Ein Zeitlimit gibt es im Gegensatz zu Persona allerdings nicht. Dieser Gameplay-Loop entfachte bei mir schnell eine unheimliche Sogwirkung. Sei es, weil ich bestimmte Figuren besser kennenlernen, oder den nächsten clever designten Dungeon direkt erkunden oder neue Fähigkeiten austesten wollte. Aufhören fiel mir jederzeit schwer.

Dungeons of Hinterberg Kino© Microbird
Gehen wir ins Kino, steigern wir je nach Film einen anderen Statuswert.

2. Die Charaktere in Dungeons of Hinterberg

Hinterberg ist voll von illustren, sympathischen – auch mal unsympathischen – aber immer spannenden Figuren. Das fängt schon bei Protagonistin Luisa an. Sie ist unheimlich nahbar und das Spiel lässt uns stets an ihren Gedanken teilhaben. Als sie nach ihrem ersten Dungeon bemerkt, für welch gefährlichen Zeitvertreib sie sich da angemeldet hat, ist sie zunächst voller Zweifel und kurz davor, hinzuschmeißen. Sie macht eine nachvollziehbare Entwicklung durch, die bis zum Ende des Spiels anhält.

Dungeons of Hinterberg Disco© Microbird
Wir können Luisas Gedanken stets folgen, was der Verbundenheit mit unserer Hauptfigur sehr guttut.

Ähnlich verfährt das Spiel mit nahezu jedem anderen Einwohner oder Gast von Hinterberg. Jeder hat seine eigene, interessante Hintergrundgeschichte, die wir nach und nach aufdecken können. Auch die vielen verschiedenen Charakterzüge unterhalten bestens. Von der lebensfrohen Ferienjobberin über überdrehte Influencer und stoische Profi-Abenteurer bis zur Waffenschmiedin mit Obrigkeitsproblemen. Ihr werdet Euch mehrfach dabei ertappen, ernsthaft zu überlegen, ob Ihr mit einem Charakter lieber Zeit verbringen möchtet, um ihn/sie besser kennenzulernen, obwohl ein anderer Bonus gerade Vorteilhafter wäre.

Dungeons of Hinterberg Influencer Kai© Microbird
Der ulkige Influencer Kai ist eine Figur mit der wir uns anfreunden können. Hinter seiner schrulligen Art verbirgt sich durchaus Tiefgang.

3. Die Präsentation von Dungeons of Hinterberg

Man kann das Spiel nicht starten, ohne direkt auf den ungewöhnlichen Art-Style aufmerksam zu werden. Dungeons of Hinterberg präsentiert sich komplett im Cel-Shading-Look, arbeitet aber mit sehr knalligen Farben, dünnen Randlinien und einem starken Schraffur-Filter. Man fühlt sich unweigerlich an ein bewegtes Pop-Art-Kunstwerk erinnert.

Dazu kommen sehr Comic-hafte Textboxen, die sämtliche Dialoge wiedergeben. Eine Vertonung gibt es nicht. Natürlich polarisiert dieser Grafikstil und ist absolut Geschmackssache. Mir hat er aber sehr gut gefallen und ich kann nur ermutigen, das Spiel in Bewegung zu erleben. Dazu ändert sich auch immer mal wieder auch die Perspektive: Grinden wir mit unserem magischen Hoverboard über eine Rail, kommen teils wahnwitzige Kamerafahrten zum Einsatz, an anderen Stellen wechselt das Spiel in eine Isometrische oder 2D-Perspektive.

Dungeons of Hinterberg Hoverboard Grind© Microbird
Ab und an überrascht Dungeons of Hinterberg mit erstaunlichen Kamerafahrten und postkartenwürdigen Ausblicken.

4. Die Atmosphäre von Dungeons of Hinterberg

Luisas Abenteuer hat auf mich auch deswegen so eine Sogwirkung ausgeübt, weil es eine einzigartige Stimmung kreiert. Da wäre zum einen Hinterberg selbst. Das kleine Örtchen ist so nachvollziehbar gestaltet, dass es wirklich ein österreichischer Kurort sein könnte. Dazu wird die ganze Fantasie der Dungeons und der Konsequenzen Ihres Auftretens bis ins kleinste Detail durchexerziert. Wir haben hier ein Dorf, das sich plötzlich mit einem komplett neuen Wirtschaftszweig konfrontiert sieht. So stehen zwischen alten Häusern plötzlich moderne Waffengeschäfte, Trainingsplätze, Kinderbetreuungen und und und.

Dungeons of Hinterberg Kiddieland© Microbird
Auch für die kleinsten ist gesorgt, wenn die Eltern Dungeons erkunden. Cool sind auch die Wegweiser (links) dank denen wir eigentlich fast nie auf die Karte gucken müssen. Sehr immersiv!

Andersherum ist Hinterberg eben immer noch ein Urlaubsort, trotz aller Gefahr in den Dungeons. Woanders geht man Skifahren und entspannt dann gemütlich im Ort oder geht fröhlich feiern. Hier geht man eben Rätsel lösen und Monster töten. Jeder ist aus einer ganz eigenen Motivation hier. So begegnen wir in den Randgebieten auch mal einer Gruppe Cosplayer, die mit Ihrem Ghettoblaster ein bisschen durch die Gegend tanzt. Wer schonmal in El Arenal oder Sölden war, der wird hier sicherlich einen AHA-Moment erleben.

Dungeons of Hinterberg Warnschilder© Microbird
Selbst die Stärke besonders starker Gegnergruppen wird uns per Schild mitgeteilt. Absolutes Nationalpark-Feeling!

Dazu trägt auch die fantastische Musik bei, die in Kombination mit den schönen Panoramen ein wunderbar entspanntes Gefühl transportiert. In den Dungeons bekommt dann alles eine entsprechend mystische, überirdische Note. Die teils geradezu psychedelisch designten Verliese stehen im kompletten Kontrast zu Luisas Zeit im Dorf. Vor allem in den Kämpfen wird dann auf richtig treibende Beats gewechselt, die die Action gut zur Geltung bringen. Sehr charmantes Gimmick: Jeder Kampf endet auf einer hohen Note, was einen befriedigenden Akzent setzt.

Dungeons of Hinterberg Kampf© Microbird
Beginnt ein Kampf, erscheint stets eine Barriere, die das Schlachtfeld begrenzt.

5. Der Umfang von Dungeons of Hinterberg

Dungeons of Hinterberg lässt sich für jeden Bedarf perfekt dosieren. Für einen Dungeon braucht es meistens nicht mehr als 20-30 Minuten und eine kleine Sessions zwischendurch ist schnell eingelegt. Trotzdem konnte ich mich eben aufgrund des motivierenden Gameplay-Loops auch mal stundenlang in Luisas Abenteuern verlieren. Bei einem durchschnittlichen Spieldurchlauf läuft nach gut 20 Stunden der Abspann über den Bildschirm, was meiner Meinung nach eine absolut akzeptable Spielzeit darstellt. Doch wie bei einem schönen Urlaub fand ich es einfach sehr schade, dass meine Zeit in Hinterberg schon vorbei war und hatte noch nicht genug.

Dungeons of Hinterberg Kampf Gelee-Würfel© Microbird
Es macht unheimlich Spaß, mit den Zaubern im Kampf herumzuspielen. Hier werden zwei Feinde in einem Geleewürfel eingeschlossen und zeitweise gelähmt.

Wollen wir aber wirklich alle Charaktere auf die höchste Freundesstufe bringen, dann dürfen locker 25 Stunden eingeplant werden. Nicht zuletzt dafür bietet sich aber auch direkt nach dem Durchspielen der „Neues Spiel+“ Modus an. Außerdem hat das Studio Microbird knapp nach meinem ersten Durchgang die kostenlose „Episode Renaud“ veröffentlicht. In diesem kurzweiligen, etwa 90-120 Minuten langen Prequel erleben wir die Vorgeschichte des verbissenen und mysteriösen Renaud, mit dem sich Luisa ebenfalls anfreunden kann. Es kombiniert die verfügbaren Zauber auf alternative Weise und bietet so nochmal ein kleines bisschen Abwechslung bei den Rätseln. Zudem erhalten wir einen interessanten Einblick in Renauds angeknackste Psyche, der aber trotzdem ein paar elementare Fragen offen lässt.

Dungeons of Hinterberg Renaud © Microbird
In einem kostenlosen Zusatzabenteuer lernen wir den undurchsichtigen Renaud etwas besser kennen. Wesentlich anders als Luisa spielt er sich aber nicht.

Gibt’s denn auch was zu meckern?

Natürlich hat Dungeons of Hinterberg seine Schwächen. So viele Tugenden sich das Spiel bei der Legend of Zelda Reihe abgeguckt hat: Selbst Nintendos Traditions-Adventures haben schon vor Jahren ihre überholte Steuerung angepasst. Luisa steuert sich wie Link im Jahre 2006. Sie springt automatisch, wenn wir uns auf einen Abgrund zubewegen und beginnt nach ein paar Schritten automatisch zu sprinten.

Nostalgiker werden vielleicht leicht grinsend nicken, jedoch nur solange, bis sich Luisa einmal unnötig selbstständig macht und in einem Abgrund landet, weil sie schlecht getimt zum Sprint und anschließend Sprung in einem falschen Winkel ansetzt. All das nur, weil die Animationen ab einem bestimmten Punkt nicht mehr unterbrochen werden können. Das ist einfach nicht mehr zeitgemäß.

Dungeons of Hinterberg Kampf Schnee© Microbird
So übersichtlich wie hier bleibt es vor allem im späteren Verlauf leider selten.

Außerdem ist die Kamera in den Kämpfen oftmals viel zu träge und hat das Geschehen nicht optimal im Blick. Das wird vor allem im letzten Drittel lästig, wenn zu den Gegnerschaaren auch Fallen oder andere Umgebungsfaktoren dazukommen, die beachtet werden wollen. Bei manchen Fähigkeiten oder Spezialangriffen dürfte außerdem das Trefferfeedback etwas wuchtiger oder präziser ausfallen. Weiterhin ist die Gegnervielfalt ein bisschen dürftig. Im Grunde haben wir nach spätestens acht bis zehn Stunden schon alles gesehen. Dann sorgen nur noch die wenigen, aber schön designten Bossgegner für Überraschungen. Die Kämpfe machen zum Glück trotzdem Spaß.

Dazu sind viele Animationen anderer Charaktere generell etwas steif, was aber auch irgendwie mit dem Grafikstil harmoniert. Hier bleibts also unterm Strich eine Geschmackssache, technisch wäre aber vielleicht doch etwas mehr drin gewesen.

Dungeons of Hinterberg Boss© Microbird
Die Bosse sind hübsch designt und benötigen eine auf unsere Zauber zugeschnittene Taktik.

Fazit: 8/10

Dungeons of Hinterberg hat mich wirklich verzaubert. Das Adventure von Microbird macht zwar keinen großen Hehl draus, an welchen Serien es sich ganz fundamental orientiert. Trotzdem ist es vor allem die originelle Prämisse und das Setting, die für ein ganz besonderes Spielerlebnis sorgen. Zusammen mit dem einzigartigen Grafikstil und der tollen Musik (kann man auch wunderbar als Playlist beim Arbeiten hören!) stellt sich sofort eine Atmosphäre ein, die Ihr woanders so nicht bekommt. Zudem machen die gut ausgearbeiteten Charaktere viel Spaß.

Dass es bei Steuerung und Kamera hier und da mal gehörig zwickt, verzeihe ich Dungeons of Hinterberg gerne, wenn alle anderen Elemente so herrlich funktionieren. Denn unterm Strich bekomme ich hier eine Gameplay-Mischung, die einfach schnell klickt und bestens unterhält. Ehe ich mich versehe, habe ich mich in Hinterberg und seine Bewohner/Besucher verliebt und will direkt wieder von vorne anfangen, sobald der Urlaub vorbei ist. Das muss ein Spiel erstmal schaffen.

Dazu kommt der vernünftige Umfang von gut 20-25 Stunden, der sogar noch durch leckere Zusatzhappen wie die Episode Renaud erweitert wird. Wer also noch auf Zelda- oder Persona-Nachschub wartet, oder einfach nur ein kurzweiliges Adventure mit Charakter sucht, darf hier für 30 Euro jederzeit zugreifen. Spiele wie Dungeons of Hinterberg verdienen die Chance.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert